Ein Sommermorgen, die Osthänge liegt noch im Schatten, es ist angenehm frisch, vereinzelte Wolken beleben den blassblauen Himmel. Kurz oberhalb von Matrei in Osttirol, gleich bei der Talstation einer winzigen Privatseilbahn stellen wir auf ca. 1.350 m Höhe unser Auto ab, und steigen mit noch etwas steifen Knochen in die Wanderschuhe.
Anfangs geht es wechselnd über Wiesenwege und die Fahrstraße, die die verstreuten Höfe von Glanz erschließt, den Glunzer Berg hinauf. Auf 1.900 m ist mit der Lackneralm der vorerst letzte, auf vier Rädern erreichbare Punkt erreicht. Uns ist warm, dem Tag noch nicht, ein glücklicher Ausgleich. Flach geht es weiter, oberhalb der Baumgrenze mit herrlichen Ausblicken nach Westen hinein ins Virgental.
Gut eine Stunde ist seit unserem Aufbruch vergangen, als wir die noch schläfrige Äußere Steiner Alm (1.909 m) passieren und von dort ohne nennenswerten Höhengewinn dem Steiner Bach zu seinen Quellen folgen.
Knapp zwei Kilometer weiter stehen wir schließlich in einem Talschluss, der, obschon mit dem des Innergschlöß nicht vergleichbar, beeindruckt. Die ersten Sonnenstrahlen erreichen gerade den Talgrund, die Südhänge des Nussigen Kogels stehen im vollen Licht, die Flanke von Bretterwand Spitze und Bunzkögele sind noch finster, kalt und abweisend.
Eine kurze Pause, Müsliriegel und Wasser aus dem Steiner Bach, die Hütte oben ist weit genug weg, und es geht weiter, von nun an steil bergauf. Rund 650 Höhenmeter reiht der Weg Kehre an Kehre. Mit jedem Schritt hinauf verändert die höher steigende Sonne das Bild, und der Ausblick nach Südwesten wird immer freier.
Es ist 11:30 Uhr, als uns die Wirtsleute der Sudetendeutschen Hütte in 2.650 m Höhe willkommen heißen und freundlich mit Getränken versorgt. Von unserem Platz vor der Hütte haben wir einen guten Blick hinüber zur Dürrenfeld Scharte, durch die der Sudetendeutsche Höhenweg unseren Blicken entschwindet.
Nach einer guten halben Stunde verabschieden wir uns und ziehen weiter. Ein altgedienter Wegweiser gibt die Richtung an. Die aus der Ferne der Hütte so kritisch aussehende Scharte erweist sich trotz einer gewissen Ausgesetztheit als eigentlich problemlos zu bewältigen. Das Dürrenfeld südlich der Scharte hat etwas von einer Mondlandschaft, kahle Hänge und jede Menge Schutt.
Das Bild ändert sich schlagartig, als wir den Südwest-Grat der Vorderen Kendl Spitze queren. Die Hänge sind grün und mergelig. Sie sind so weich, dass ein Teil davon mitsamt des Weges wohl im letzten oder vorletzten Jahr hinunter ins Kar gerutscht ist.
Die Wiese wird dichter, das Gras höher, während uns der Weg bei rund 2.500 m am Zehnerkopf vorbei zum Hohen Tor führt. Erstmals wird der Blick nach Osten frei, hinüber zum Großglockner, der sich majestätisch in den Himmel reckt.
Hier, nachdem wir nun über 5 Stunden unterwegs sind, treffen wir die ersten anderen Wanderer. Auf der einen hier stehenden Bank machen sich die zwei derart breit und sehen sich auch nicht veranlasst etwas zusammenzurücken, dass wir uns ein paar Schritte daneben auf den Rand des tief eingegrabenen Weges setzen. Hoch lebe die Bergkameradschaft.
An der Scharte „Hohes Tor“ wenden wir uns nach links an der Drillingscheid vorbei und folgen dem „Aussig Teplitzerweg“ einen knappen Kilometer bis es rechts über Blauspitze (2.575 m), Blauer Kopf (2.593 m) und Niwanólkopf (2.539 m) zur Kalser Höhe geht. Noch gut 200 m hinab und wir erreichen das Kals-Matreier-Törl mit seinem gleichnamigen Haus.
Ein wirklich wunderbarer Aussichtspunkt! Der Blick wird nur begrenzt von den im sich immer stärker bildenden Dunst langsam verschwimmenden 3.000-ern des Venediger- und des Großglocknergebietes. Ob die Massen, die unterstützt vom und zum wirtschaftlichen Wohle des Liftes und der Törlhaus-Wirtschaft herauf strömen allerdings nur wegen der Aussicht kommen oder wegen der guten Bewirtung, sei dahingestellt. Beides wäre Grund genug. Wer schon mal an einem ruhigen Tag auf Pützchens-Markt war, hat eine gute Vorstellung von dem Treiben hier oben.
Wir halten uns gerade so lange auf, wie es für ein Bier erforderlich ist. Hier hält uns nichts und wir streben bald dem Weg zu, der uns hinab nach Presslaber führt. Dort ist die Bergstation der eingangs erwähnten kleinen Privatseilbahn. Rasch zeigt sich neben dem Massenauflauf oben am Törl die zweite Folge des Liftbaus: Der Weg wird kaum mehr benutzt und verfällt. Das Gestrüpp wuchert, Geröll hat sich angesammelt und macht den Abstieg zu einer recht unangenehmen Sache, die Strecke, die hinter uns liegt, machen das Gehen zudem nicht einfacher.
600 m tiefer erreichen wir die eigentlich nur aus zwei Höfen bestehende Ansiedlung Persslaber. Vier Häuser, eine Kapelle und, was die Sache so interessant macht, eben die Seilbahn. Die Bahn, in der AV-Karte nur unscheinbar eingezeichnet, ist noch die Nabelschnur dieses förmlich in den Hang geklebten Fleckens. Das wird aber bald schon anders sein. Der Bau einer neuen Zufahrtstraße vom Tal herauf hat schon bis knappe 100 m vor das erste Haus seine hässlichen Wunden in den einst unberührten Berghang gefressen. Ist die Straße erst einmal da, wird das wohl zugleich das Ende der Seilbahn sein.
Für die Bahn gibt es weder Fahrplan- noch Tariftafel und man muss sich durchfragen, um für einen kleinen Obulus hinunter fahren zu dürfen. Vor Jahren hat uns das schon einmal bei der Flucht vor einem aufziehenden Gewitter geholfen trocken zu bleiben. Heute ist das Wetter gut und sicher, also suchen wir erst gar niemanden, sondern bewältigen auch noch die letzten rund 300 m hinunter zum Bretterwandbach. Steglos kommen wird mit fast trockenen Füßen hinüber. Noch ein kurzer Gegenanstieg und wir sind nach knapp 10 Stunden wieder an unserem Startpunkt.
Frank Weber
